Sunrise – Interpretation

Habt ihr am Anfang des Films gesehen, wie sich die Bilder überlagerten? Wunderschön, nicht wahr? Vor allem am Anfang gab es viele Bilder, wie es sie danach nie wieder geben sollte. Es wurde viel mit Licht und Schatten gespielt. Licht und Tag ist rein und voller Glück, Schatten und Nacht voll von Zweifel und Verrat.

Die Figuren der Geschichte sind hin und hergerissen zwischen ihren Gefühlen. Der Mann ist nervös, da er nicht will, dass sein Frau die Affäre bemerkt. Diese aber ist traurig, da sie merkt, dass etwas nicht stimmt. Als die Frau aus der Stadt ihn überreden will, wehrt er sich zunächst, verfällt dann aber doch Leidenschaft. Doch er bleibt sich unsicher, ob er das Richtige tut. Er kann nicht schlafen, führt aber doch alle Vorbereitungen durch. Auf dem Boot verfinstert sich sein Gemüt und die Frau, die sich erst auf die Stadt gefreut hat, wird wieder unsicher.

Hier sehen wir das Wesentliche in Allem was wir tun: Wir müssen Entscheidungen treffen. Möchte ich das behalten, was ich habe oder möchte ich vielleicht mehr? Soll man das schöne Leben aufgeben, um ein anderes Leben anzufangen? Soll ich töten, um zu bekommen was ich will? Die meisten Entscheidungen, die wir treffen sind sehr viel kleiner, aber doch bestimmen sie unser Handeln. Wenn eine Geschichte erzählt wird, tauchen wir tief ein in diesen inneren Konflikt. Wir stehllen uns selbst die Frage: Wie würde ich handeln?

Er entscheidet sich dafür sie nicht zu töten. Doch ihr Vertrauen in ihn ist zerstört. Mit einem sonderbaren Schienenfahrzeug fahren sie in die Stadt. Doch sie will nicht mehr glücklich sein. Kein Geschenk kann die Trauer überdecken. Erst als sie in eine Kirche gehen, kommen sie wieder zueinander.

Ich habe bemerkt, dass diese Szene einige von euch nicht verstanden haben, deshalb erkläre ich sie genauer. Eine Kirche war früher ein Ort der Rituale. Hier wurden Zeremonien abgehalten zur Geburt, zum Tod oder zu jährlichen Festen, wie der Wintersonnenwende. Eine Zeremonie fand statt, wenn ein Mann und eine Frau sich einander die ewige Treue schwören. Das war es was ihr in dem Film gesehen habt. Der Mann weint, weil er erinnert wird dass er geschworen hat, sie vor jedem Unheil zu beschützen, diese Aufgabe aber nicht erfüllt hat. Sie sieht, dass er erkannt hat, dass sie nur zusammen bestehen können und tröstet ihn.

Nachdem sie wieder zusammengefunden haben, haben sie nur noch Augen für sich selbst, so dass sie die Stadt um sich herum gar nicht mehr bemerken. Erst die Automobile wecken sie aus ihrem Traum. Diese Szene ist deshalb so stark, weil hier Toneffekte benutzt wurden. Im selben Jahr wie dieser Film kam der erste Filme heraus, indem die Leute geredet und gesungen haben. Es war die selbe Technologie wie hier, nur dass Murnau kein Interesse daran hatte, seine Figuren laut reden zu lassen.

Im Folgenden haben die beiden Spaß und tuen ein paar Dinge, die auch ich nicht ganz verstehe. Die Spiele unserer Ahnen waren nicht immer logisch. Aber da ihr lachen konntet, haben die Szenen ihren Zweck erfüllt.

Am Ende wird es nocheinmal dramatisch. Man denkt, dass die Frau nun doch gestorben ist. Doch sie rettet sich durch das Reisigbündel, das nur an Bord war, weil der Mann sich nach dem Mord selbst retten wollte. Hier kann man sehen, dass das Schlechte auch manchmal zu etwas Gutem führen kann.

Nur durch die Reise in die Stadt, hat der Mann erkannt, dass die Frau aus der Stadt nicht das ist, nach dem er sich sehnt. Er lehnt sie ab, obwohl er denkt, seine Frau wäre tot. Doch dann finden die beiden wieder zusammen und die Sonne geht auf.

Der Film will uns erzählen, dass Entscheidungen nicht immer einfach sind. Oftmals führen gerade die falschen Dinge zu dem richtigen Ergebnis (der Besuch in der sündigen Stadt, das Reisigbündel). Das soll nicht heißen, dass unsere Handlungen egal sind, sondern vielmehr, dass wir unsere Entscheidungen nur aus dem Bauch heraus treffen können. Der Mann bekommt seine Frau zurück, weil er den Versuchungen entsagt.

Der ganze Film ist wie ein Sonnenaufgang. Auch als Zuschauer geht man durch die tiefste Nacht, nur um am Ende wieder das Licht zu sehen. Es ist ein Prozess der Erkenntnis, den der Mann durchmachen muss, um wieder zu seiner Frau zu finden. Die Erkenntnis, dass die beiden zusammengehören, auch wenn das Leben gerade einmal nicht süss, sondern bitter ist.

Und genau so stell ich mir diese Reihe vor. Ihr erkennt Zusammenhänge und öffnet eure Augen. Ich hoffe diese Interpretation hat ein wenig Licht in euer Leben gebracht. In einer Woche werden wir auf eine andere Reise gehen und der Frage nachgehen, wie Entscheidungen getroffen werden im Film Chihiros Reise ins Zauberland.

Kai Frederic am 03.03.2014 / Interpretationen / 0 Kommentare Pings nicht erlaubt /

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